Buchhändlerromane, Roman

Dummy_Jahr-209 Valerie, jung und dynamisch, muss ihr Studium unterbrechen als ihre Tante von einem Tag auf den anderen verschwindet und ihr die Buchhandlung überlässt. Natürlich ist der Laden genauso in die Jahre gekommen wie die Tante und als echter BWL’er steht für Valerie nur eins fest: Er muss aufgelöst werden. Allerdings hat sie die Rechnung ohne die Bücher und ihre Geheimnisse gemacht, die Valerie perfide auf ihre Seite(n) ziehen …

Natürlich musste ich diese Geschichte lesen, als Buchmensch blieb mir ja nichts anderes übrig. Geschadet hat es nicht, auch wenn der eigentliche Klappentext mehr Spannung versprach als ich dachte. Denn unglücklicherweise kommt der geheimnisvolle Mann, der ein Buch sucht, das ebenso wie der Roman heißt (Nachtigall, ick hör dir trapsen …), nur zweimal vor. Das erste Mal in der Mitte des Buches und dann am Ende. Tja, und das geheimnisvolle Ticket schafft es auch gerade erst zum Finale zu erscheinen — wobei das Finale dieser Geschichte auch nur wieder der Beginn einer nächsten ist. Huch, wie bedeutungsvoll!
Aber Butter bei die Fische.

Buchhändlerromane sind in erster Linie, na, nicht für Buchhändler sondern für Leser, die sich das Buchhändlerdasein recht verträumt vorstellen. Valerie gehört am Anfang der Geschichte nicht dazu; weder zu den Träumern, noch zu den Lesern. Kritisch betrachtet sie die Geschäftsbücher der Tante und stellt erschrocken fest, dass der Laden sich eigentlich gar nicht trägt. Dass die Tante auch jahrelang fällige Rechnungen nicht mahnte, ist da wohl Symptom und Übel zugleich. Als Buchhändler muss ich sagen, dass sich viele Läden leider tatsächlich nicht selbst tragen und nur überleben, weil Geld aus privaten Taschen zugeschossen wird. Traurigerweise gibt es aber auch viele Läden, sie sich nur dank Buchpreisbindung tragen. Die wenigsten Handlungen kommen über die Runden, weil wirklich Leute dort kaufen. Insofern ist es nicht verwunderlich und nachvollziehbar, wenn nicht gar geboten, dass Valerie beschließt, nach Inventar, Inventur und Bilanz, den Buchladen zu schließen.
Jetzt ist so eine Buchhandlung — und so ein Buch — aber immer mehr als die Summe ihrer Teile und es ist daher genauso logisch, den Laden nicht zu schließen. Vor allem nicht, wenn man den Buchhändler-Alltag damit verbringt, die eigene Ware selbst zu lesen (und damit den Wert zu mindern …), Tee zu kochen und die Zeit vergehen zu lassen. Da hilft es auch nicht, die Ratte aus dem Hinterhof lieb zu gewinnen und mit ihr zu reden. Zumindest hilft es nicht dem Laden, als Leser fand ich es, ja, ich muss es zugeben, doch charmant. Was ich sagen will, ist: Ich liebe Bücher. Aber Buchhändlersein sieht anders aus. Im Gegenteil, als Buchhändler tue ich eins am wenigsten, nämlich (genussvoll) zu lesen. Trotz allem schafft es Valerie allerdings, über Vertretergespräche nachzudenken, alte Rechnungen einzutreiben, Beziehungen zu den anderen Ladenbesitzern im Viertel aufzubauen, Kunden mittels eines Starautors in den Laden zu locken, einen Bauarbeiter mit einem Buch zu beglücken — und überhaupt wieder Herrin ihres Lebens zu werden. Dazu gehört es auch, ihrem BWL-Freund nach ein paar Szenen einen Laufpass zu geben. (Strike; er war wirklich ein Idiot.)

Bis hierhin lässt sich also sagen: Ich mag Valerie, ich mag vor allem ihre Wandlung von der lebensfremden BWL’erin zum Buchmenschen — aber mir ist das doch alles irgendwo sehr romantisiert dargestellt. Aber was ist schon (Bücher)Liebe, wenn nicht romantisch? 😉
Was mich allerdings nach einer Weile wirklich ermüdete, war einfach der Stil, oder besser gesagt, der Aufbau der Kapitel. Zuerst stellt Montasser völlig losgelöst von der Romanhandlung eine Behauptung auf, romantisiert etwas herum, nur um diese Behauptung dann mit einer entsprechenden Szene zu untermalen. Zwischendurch hatte ich den Eindruck, dass es mehr um das allgemeine Schwadronieren ginge als tatsächlich um Valerie und ihr Schicksal. Sehr schade. Auch eben, weil die allgemeinen Passagen mir als Leser die Nähe zum Text genommen haben und ich daher nicht wirklich tief in die Geschichte eintauchen konnte. So passierte mir wieder das, was mir scheinbar doch schnell passiert: Mir fehlte Spannung, mir fehlte Konflikt, es plätscherte nur wieder vor sich hin.

Insofern: Schützt euch vor Kitsch und zergeht zugleich darin, wenn ihr das Buch lest. Und vergesst die 18 EUR VP, sie sind zugleich zu viel und zu wenig dafür. 😉

Montasser, Thomas: Ein ganz besonderes Jahr
978 3 85179 305 5
Thiele & Brandstätter Verlag GmbH, München-Wien
September 2014
HC, 192 Seiten

Roman, Schriftsteller

st aubyn beste roman jahres

Edward St Aubyn begegnete ich das erste Mal vor vier Jahren als ich Schöne Verhältnisse von ihm las. Zugleich war ich fasziniert wie angewidert von den kaputten Familienverhältnissen, die er darin beschrieb. Mit Der beste Roman des Jahres hat er allerdings, meiner bescheidenen Meinung nach, einen großen Schritt im Können gemacht. Wo Schöne Verhältnisse offen abstoßend waren, geht es alles in Der beste Roman subtiler zur Sache. Nicht zuletzt auch, weil uns mehrere Personen vorgeführt werden, deren Ach und Weh vom verliehen Preis bestimmt werden.

Aber was ist das für ein Preis? Wie der Titel vermuten lässt, geht es um einen Literaturpreis, dessen Gewinn in meinen Augen fragwürdig ist, wird er doch von einem Agrarkonzern ausgelobt, der Herbizide, Pestizide und genverändertes Getreide produziert. (Aber natürlich ist es Absicht.)
Interessanter, und Kern des Romans, sind hingegen die Personen, die vom Elysia-Preis vereinnahmt werden. Zum einen wäre da ein kleiner Politiker, der sich vom Vorsitz der Preisjury eine höhere Aufmerksamkeit und Bekanntheit verspricht. Hinzu kommt natürlich die Jury selbst, aus mehr oder weniger bekannten Persönlichkeiten, die mehr oder weniger etwas mit Literatur zu tun haben, und einige Spieler von der Seitenbank wie die bindungsscheue Schriftstellerin Kathrine, ihre drei Lover, eine Dame aus indischem Königshaus, deren Kochbuch zum Romanpreis eingereicht wurde, und ihr Neffe, völlig realitätsfremd und angesäuert, dass sein Meisterwerk nicht für den Preis nominiert ist.
Das für mich Herausragende am Roman besteht allerdings darin, dass St Aubyn viele Erzählstimmen vereint, wenn er seine Charaktere aus den zum Preis eingereichten Romanen lesen lässt. Das reicht von Gossensprache, aber schwülstige Naturbeschreibungen bis hin zum hochtrabenden Geplänkel eines Adligen. Insgesamt alles abwechslungsreich zu lesen, auch wenn mir manche Auszüge zu lang waren. (Oder es bspw. nicht ganz so leicht war, Didiers hochtrabenden Gedankengängen zu folgen.)

Der beste Roman des Jahres war ein Genuss zu lesen. Bedingt durch die Thematik denke ich allerdings, dass dieser Roman eher für diejenigen interessant ist, die der Literatur oder dem Schreiben etwas abgewinnen können.

St Aubyn, Edward: Der beste Roman des Jahres
978 3 492 05435 5
Piper Verlag GmbH, München
September 2014
HC, 255 Seiten

Roman

Wovon wir träumten von Julie Otsuka
Sie haben nicht mehr als die Fotografien ihrer Ehemänner und einen Rattankoffer voller Kleider und Hoffnungen, Wünsche und Träume als Anfang des letzten Jahrhunderts unzählige Japanerinnen den Ozean überqueren und in die USA immigrieren. Aber nicht nur das wunderbare Leben, das man ihnen versprach, entpuppt sich als Lüge …

Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zieht nicht nur Europäer an, aus allen Teilen der Welt zieht es Menschen in die USA. Julie Otsuka erzählt in ihrem Roman nun von Japanerinnen, denen die Realität ebenso Steine an die Fesseln bindet wie jedem anderen, der sich zu große Hoffnungen machte. Nur wie sie es erzählt, ist ungewöhnlich. Es gibt kein Du, kein Ich; es gibt nur ein Wir, die Japanerinnen, und es gibt ein Sie, zuerst sind das andere Immigranten, sind es Bürger der USA, und als der Krieg kommt, sind es die Japaner in Pearl Harbor. Zwischendrin erzählt Julie Otsuka auch vom täglichen Leben auf den Feldern, erzählt von Japanerinnen als Bedienstete, und als Verlorene zwischen den Welten; erzählt vom Eheleben, den unzähligen Geburten und von den unzähligen Kindern.
Manchmal ist dabei nicht nur der Inhalt unangenehm, auch Otsukas Stil kann ermüdend sein, wenn er sich in reinen Aufzählungen verliert (was äußerst häufig ist bzw. eigentlich das Merkmal ihres Stils in diesem Roman). Aber vermutlich ist es auch gewollt: unzählige Einzelschicksale, die zu einer undefinierbaren Masse verschmelzen.

Es ist ein kurzes Büchlein, aber es steckt so viel darin und wenn man sich die Zeit nimmt, und vor allem auch die Pausen, ist es eine Bereicherung. Ich würde es wunderbar nennen wollen, wenn es dafür nicht zu traurig wäre.

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Otsuka, Julie: Wovon wir träumten
978 3 443 67969 0
Wilheilm Goldmann Verlag, München
April 2014, 159 Seiten
Paperback