Hörbuch & Hörspiel, Krimi

Eigentlich zählt Dr. Siri Paiboun, einziger Leichenbeschauer im Laos der siebziger Jahre, bereits die Tage bis zu seiner Pensionierung. Wäre da nicht Richter Haeng, der seiner Rolle als ewige Nemesis gerecht wird und den Doktor in die Berge schicken will. Ein US-Militär ist dort vor Jahren mit seinem Flieger abgestürzt und Siri soll einem amerikanische Suchtrupp zur Seite stehen. Geschickt wirft Siri die vom Richter geplante, restliche Liste der laotischen Reisemitglieder über den Haufen und lädt kurzerhand seine eigene Familie und Freunde ein. Wann kriegt man auch schon mal einen Urlaub in den Bergen auf Staatskosten spendiert.
Angekommen im Hotel der Freundschaft, das nicht nur einen malerischen Namen trägt sondern auch sehr malerisch in der Nähe des Luftwaffenstützpunkts Long Tien liegt und von allerlei nicht explodierten Streubomben umgeben ist, beginnt eine neue Episode von Spiel, Spaß und Spannung im Dschungel von Laos, die schon bald den ersten Toten fordert.

Nachdem die letzten beide Teile um Dr. Siri arg düster und teilweise sehr bedrückend waren (gerade der Vorgänger Dr. Siri ermittelt), hebt sich diese Düsternis in diesem Teil endlich ein wenig auf. Dr. Siri hat seinen Humor wiedergefunden und auch sein Kumpel und ehemaliges Politbüromitglied Civilai kriegt ein bisschen mehr Sendezeit spendiert und darf sogar seine politischen Fähigkeiten in einem Machtspielchen mit einem US-Senator beweisen. Aber auch Tante Bpoo, bisher nur skurrile Randerscheinung in den vorigen Romanen, ist dieses Mal mit von der Partie, hat sie sich selbst dem bunten Suchtrupp angeschlossen, um den guten Doktor vor seinem jähe Ende zu bewahren. So viel also zum Thema Urlaub.
Was mir besonders gefallen hat, war allerdings die Geschichte als solche, die sich mehr auf die einzelnen Figuren und den kulturellen Zusammenprall zwischen Amerikanern und Laoten konzentriert als denn auf eine Mordserie oder viele Leichen. Erstaunlicherweise ist das Buch auch recht leichenarm, wenngleich viele im Hintergrund ihr Leben lassen müssen. Auch die Auflösung gefiel mir, die dieses Mal eher politisch motiviert war als dass es sich um einen Serienmörder handelte. Zumal dadurch, dass die muntere Reisegruppe mehr oder weniger auf das Hotel der Freundschaft und dessen Umkreis beschränkt war, die Geschichte eine nette Komponente von „Mord-im-verschlossenen-Raum“ hatte. Von den Geschichten und den Figuren her also wieder ein sehr unterhaltsamer Dr.-Siri-Teil.
Weniger unterhaltsam und eher recht ärgerlich war, dass diesmal ein neuer Sprecher für das Hörbuch zum Zuge kam. Generell habe ich eher weniger Probleme damit, wenn Sprecher wechseln. Im Falle von Dr. Siri war es auch so, dass Jan Josef Liefers eine wunderbare Vorlage eines humorigen, kauzigen Doktors lieferte, der Peter Weis später sehr gerecht wurde. (Auf Grund der älteren Stimme empfinde ich Weis sogar als passender für den Doktor denn Liefers.) Warum sich der Hörverlag allerdings dazu entschlossen hat, Fabian Hinrichs lesen zu lassen, bleibt mir schleierhaft. Waren die anderen beiden verhindert/ zu teuer geworden? Gibt es keine anderen Sprecher mit alten Stimmen, die zum Doktor passen? Fabian Hinrichs mag zwar Anfang vierzig sein, klingt aber wie Mitte zwanzig und liest dazu noch über jede Spitze der Figuren hinweg als könnte er Ironie und Zynismus nicht einmal buchstabieren. Das führte dazu, dass ich über ein Jahr gebraucht habe, mich reinzuhören und nicht schon die Lust nach fünfzehn Minuten Hörzeit zu verlieren.
Wer also kann, sollte diesen Teil lieber als Buch lesen. Den nächsten Band (Dr. Siri und die Geisterfrau) liest dann, glücklicherweise, wieder Peter Weis.

Cotterill, Colin: Dr. Siri und der explodierende Drache
978 3 8445 1884 9
Der Hörverlag
August 2015
Höruch, 10 Stunden

Fantasy, Krimi

Johannes Cabal hat Besseres zu tun, als mit der mirkavianischen Schickeria Cocktails zu schlürfen und über den Himmel zu schippern. Aber was will man machen, wenn man als Bücherdieb und Totenbeschwörer auf der Flucht ist. Glücklicherweise geschieht alsbald ein Mord und Cabal vertreibt sich die Zeit mit dessen Aufklärung — was sich allerdings etwas schwierig gestaltet, da seine Tarnidentität nicht von der neugierigsten Sorte ist und auf Cabal auch noch ein Mordanschlag verübt wird. Nun, zumindest auf seine herumschnüffelnde Tarnung. Und als wäre das nicht genug, muss sich Cabal noch mit Miss Barrows herum schlagen, deren Leben er letztlich retten darf. Und seines natürlich ebenso. Nur das Luftschiff … Tja.

Manchmal verliert man Dinge aus den Augen und mir ging es mit dieser Serie so. Teil 1 (Seelenfänger) las ich irgendwann 2012, grob kenne ich die Geschichte noch, aber wie sehr mir der Stil gefiel, weiß ich nicht mehr. Es muss allerdings nicht allzu schlecht gewesen sein, sonst hätte ich den zweiten Teil nicht doch irgendwann gekauft. Dann stand das Buch natürlich im Regal. Und stand, und stand, und stand. Und fast hätte ich ein wunderbares Lesevergnügen verpasst.
Natürlich, der Krimiplot von Cabals zweitem Abenteuer ist nicht sonderlich ausgefeilt, enthält aber letztlich alles, was ein guter Agententhriller der 60er Jahre braucht. — Ja, das Buch kann sich nicht entscheiden, welches Genre es bedienen will. Aber das macht nichts. Wovon es getragen wird, ist zum einen Cabal als Figur, der typische Antiheld, und zum anderen der Humor. Trocken, abgeklärt, überraschend. Eben ganz wie Cabal.

Zu meiner Bestürzung musste ich allerdings feststellen, dass der Titel als deutsche Ausgabe anscheinend nicht mehr lieferbar ist und nur noch gebraucht bezogen werden kann. Bei der englischen Ausgabe sieht es auch nicht unbedingt besser aus. Schade, ich hätte das Buch gern weiter empfohlen.


Howard, Jonathan L.: Johannes Cabal — Totenbeschwörer
978 3 442 47034 1
Wilhelm Goldmann Verlag, München
Oktober 2010
Paperback

Kinder & Jugend, Krimi, Mystery, Phantastik

The Diviners von Libba Bray

Evie O’Neill trifft 1926 frisch in New York ein als eine Reihe von Ritualmorden die Städter aufschreckt. Verbannt zu ihrem Onkel, der Direktor des Museums für Amerikanisches Volkstum, Aberglauben und Okkultes ist, mischt sie sich in die Ermittlungen ein und muss bald feststellen, dass ihre Gabe nicht nur für Partyspiele taugt sondern sie auch in höchste Gefahr bringt.

Auch wenn meine Leseliste mich vll. Lügen straft, muss ich zugeben, dass Jugendbücher nicht gerade mein bevorzugtes Genre sind. Das liegt an meinem subjektiven Eindruck, dass im JuBu das Potential einer Geschichte oft nicht völlig ausgeschöpft wird (gruslige oder brutale Momente zBsp.) und Liebesgeschichten oft eine viel zu dominante Rolle spielen, auch wenn es nicht als Liebesroman deklariert ist. Bei The Diviners ist das zum Glück völlig anders.
Evie O’Neill (btw: ich liebe den Namen Evie) ist eine erfrischend lebenslustige, starke, aber sicher auch streitbare Protagonistin, die als Musterbeispiel eines Flappers trinkt, raucht und manipuliert, dass es mir eine Freude war, von ihr zu lesen. Dass sie auch erst siebzehn ist, vergaß ich schnell und habe Evie als gleichaltrig wahrgenommen (wenn vll. dann doch auch etwas oberflächlich). Ob Evie allerdings jedem gefällt, halte ich für fraglich. Manchmal ist sie sehr selbstbezogen und prescht selbstbewusst vor, nur um auf die Nase zu fallen.
Was ebenso erfrischend anders war und mir sehr gefiel, war das Setting. New York in den Goldenen Zwanzigern, voll von Ungerechtigkeiten, verbotenem Alkohol und Frauen, die mit ihrer Emanzipation noch nicht recht wissen wohin. Ebenso positiv überrascht war ich auch von der Liebesgeschichte, die zwar vorhanden ist, sich aber langsam entfaltet. Wenn ich nicht vorher den letzen Absatz gelesen hätte, hätte ich überhaupt nicht erwartet, wer mit wem zusammen kommt. Gefühlt bis zur Hälfte des Buches hielten sich die Anzeichen dafür in Grenzen und auch danach spielte die Liebe nur eine untergeordnete Rolle im Plot.
Der Plot um die Mordfälle war allerdings etwas schwach, weil vorhersehbar. Trotzdem war es doch spannend wie gekonnt Libba Bray das ausgehende 19te Jahrhundert mit dem jungen 20ten Jahrhundert verbindet und die Faszination des Okkulten vom einen ins andere überträgt. Nicht zuletzt schwingt auch ein bisschen Punk mit, Stichwort: Menschmaschine.
Um es hier aber nochmals deutlich zu sagen: Das Okkulte ist hier nicht okkult sondern real. Evie besitzt die Gabe, Erinnerungsfetzen der Besitzer aus Dingen vor ihrem geistigen Auge zu sehen und ist beileibe nicht der einzige Diviner. Es gibt noch andere wie sie, die in kleinen Nebenhandlungen, die zur eigentlichen Aufklärung des Mordfalls nichts beitragen, vorgestellt werden. Da der aktuelle Roman nur der erste Teile einer Trilogie ist, werden sich zu ihnen sicher noch viele andere gesellen.
Das einzige, das mir nicht nicht einleuchtete, ist die Tatsache, dass Evie mit ihrer Gabe Mist baut und dann zur Strafe von ihren Eltern aus der Kleinstadt verbannt und nach New York geschickt wird. Da Evie wie gesagt Flapper ist, ist NY mehr oder weniger ein Eldorado für sie und ihre Eltern hätten wissen müssen, dass Evie sich dort eben nicht bessert. Vor allem nicht, wenn sich ein Onkel um sie kümmern soll, der Junggeselle und kinderlos ist und von ihr dann entsprechend völlig überrannt wird.

Meiner Meinung nach alles in allem aber ein klare Leseempfehlung für diesen Herbst.
Bin schon gespannt auf die nächsten Teile.

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Bray, Libba: The Diviners — Aller Anfang ist böse
978 3 423 76096 6
Deutscher Taschenbuchverlag, München
September 2014, 704 Seiten
Hardcover