Kinder & Jugend

thissongwillsaveyourlifecover Elise ist sechzehn als sie beschließt, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Sie schafft es nicht mehr, die Außenseiterin zu sein, die Stille mit den komischen Klamotten, dem Ehrgeiz und den angewachsenen Kopfhörern. Aber sie überlebt und als sie Monate später nachts durch die Straßen wandert, auf der Suche nach Schlaf, stolpert sie über den Undergroundclub „Start“. Bald lebt Elise nur noch von einem Donnerstag zum nächsten, tagträumt von ihren neuen Freunden Vicki und Pippa und bandelt mit dem Club-DJ an. Aber vor allem wird sie selbst zum DJ, übt nachts bis zum Umfallen und wird besser als ihr Freund …

Es ist schwer, dieses Buch zu bewerten, weil ich denke, dass es hier nur zwei Kategorien von Lesern geben kann: Die, die Elise und ihre Verzweiflung verstehen, und die, die es eben nicht können (oder wollen).
Ich möchte nicht weiter ausführen, warum ich Elise verstehe, nur dass ich — würde es in Deutschland ein Mensasystem in öffentlichen Schulen geben wie in den USA — auch nicht in der Mitte gesessen hätte. Vermutlich wäre ich sogar gar nicht erst hingegangen und hätte mich in der Bibliothek verkrochen. (Hm, schade eigentlich. So viele entgangene Bücher. 😉 )

Auffällig ist, dass die Geschichte sehr stark startet und mich dazu verleitete, das Buch mit nach Hause zu nehmen und an zwei Abenden durchzulesen. Leider lässt dieser starke Einstieg, in dem so ehrlich und unverblümt ein depressives Mädchen sein Leiden und seine Selbstmordgedanken beschreibt, einfach nach sobald Elise den Undergroundclub entdeckt. Über das Buch hinweg wurden mir ihre Negativbeispiele schlechter Erfahrungen manchmal auch etwas zu viel, nicht weil ich mich schrecklich erinnert fühlte, sondern weil ich zwischen echtem Mitgefühl und, aus Autorensicht, dem leisen Verdacht nach fishing for „compliments“ schwankte.
Aber letztlich kann die Frage danach, wann oder was in der Seele schmerzt, nur von jedem Menschen individuell beantwortet werden und wer wären wir, uns gegenseitig unser Leid abzusprechen, nur weil es jeder anders empfindet?

Nun denn, was mir bleibt, sind Stil und Plot.
Zum ersten muss ich sagen, dass er genauso ist, wie er eben in der Realität auch ist (oder wie ich es zumindest gesagt hätte, unter den gegebenen Umständen). Mobbing verkorkst einen und wenn man Glück hat, wird man nur zynisch und sarkastisch wie Elise. Einfach, weil aus der Hilflosigkeit heraus nichts übrig bleibt, als selbst in den Angriff überzugehen (zumindest in Gedanken); wie ein Tier, das in die Ecke gedrängt wurde. Das ist natürlich nicht fair und nicht nett, und Elise wirkt dadurch manchmal schon zickig. Aber was sollte sie auch tun? Nett lächeln, Danke sagen und Gott um Vergebung bitten für die verzogenen Gören, die sie wie Dreck behandeln? … Insgesamt fand ich den Ton also passend und keineswegs übertrieben. (Lustigerweise ist es tatsächlich auch so, dass Gemobbte selbst zu Mobbern werden können. Kann man sich vorstellen wie Barney’s Chain of Screaming (Staffel 3, Episode 15) aus How I Met Your Mother.)
Was den Plot allerdings angeht… Da könnte wie immer mehr rausgeholt werden. Er kratzt nur an der Oberfläche, viele Szenen hängen nur lose zusammen. Elise erzählt mir zu viele Erinnerungen, stattdessen hätte ich mir mehr Konflikte innerhalb das Clubs gewünscht. Bspw. steht Pippa auf Char, den DJ, wird allerdings irgendwann nach Hause zu ihren Eltern in England zitiert, und Char bändelt mit Elise an. Die denkt nicht wirklich tief über diese Beziehung nach, merkt nur, dass sie mehr von sich erzählt als er, und lässt sich sonst von ihm befummeln. Klar, so viel Aufmerksamkeit und Nähe ist toll, gerade für Elise, aber eben gerade deswegen plätschert mir die Beziehung zu sehr dahin, gerade deswegen hätte ich gedacht, dass sie viel mehr darüber nachdenkt. Wo sind auch die Leute, die ihr innerhalb des Clubs ans Bein pinkeln wollen? Wie wäre es mit einer anderen DJane als Konkurrentin gewesen, was wäre gewesen, wäre Pippa nicht weggegangen? Was wäre gewesen, wenn sich Elise wirklich verliebt hätte in Char (und nicht nur in das Gefühl der Macht als DJ)? Und warum, gottverdammt, gibt ihr der Clubbesitzer einen eigenen Abend als DJ, obwohl er genau weiß, dass sie minderjährig ist? Mal vom Überflieger-Gen abgesehen, dass Elise sehr schnell sehr gut wird. (Was ich gerade nicht beurteilen kann, da ich selbst nie DJ war.) Aber letztlich muss man der Geschichte lassen, dass sie dadurch nicht stockt; im Gegenteil, sie rasselt die Stationen ziemlich schnell herunter — und dummerweise hilft das trotzdem nicht gegen mein Gefühl, dass ihr Drama fehlt.

Zusammen gefasst lässt sich sagen, dass mich dieses Buch gespalten zurück ließ. Ich mag die Themen und die Art wie Unerschrocken damit umgegangen wird, in der Ausarbeitung fehlt mir aber trotzdem einfach Konflikt, der einen guten Plot ergeben hätte.
Lest das Buch also einfach selbst.

Sales, Leila: This Song Will Save Your Life
978 3 440 14629 3
Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart
Juli 2015
HC, X Seiten

Hörbuch & Hörspiel, Kinder & Jugend, Science Fiction

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Thomas weiß nicht, wer er ist — und wo er ist noch weniger. Diese Lichtung voller Jungen ist nicht Neverland, aber wohl genauso entrückt von der Welt. Hohe Steinmauern schließen die Jungs ein, gefährliche Maschinen streifen durch das Labyrinth, das außerhalb der Mauern liegt, und rauben einen nach dem anderen. Thomas beginnt, sich in diese Gemeinschaft einzuleben als ein weiterer Neuankömmling die Lichtung betritt: Teresa, das erste Mädchen und der letzte Mensch, den die Erbauer schicken werden.

Das klingt jetzt alles so viel spannender als es tatsächlich ist. Ehrlich. Maze Runner ist eines der langweiligsten Bücher, das ich je gehört habe und das einfach so viel Potential verschenkt. Das einzig Gefährliche an den Greavern ist David Nathans Vertonung ihrer Geräusche. Die Jungen erzählen Thomas nichts, sagen ihm nur, tu dies, tu das. Als Leser ist man also genauso ahnungslos wie der Protagonist — und das ist sehr nervig. Für mich zumindest. Dann fliegt Thomas, natürlich weil er der Prota ist, alles zu. Er überlebt eine Nacht im Labyrinth, er löst das Rätsel um die sich bewegenden Labyrinthmauern über Nacht und er kann über Gedanken kommunizieren. (Was zur … ?) Das Nächste ist auch: Das einzige Mädchen unter, hm, vll. dreißig Jungen, kann natürlich auch über Gedanken kommunizieren und bis auf kryptische Botschaften an Thomas tut sie nichts. Absolut gar nichts. Das einzige Mädchen ist ein Plot Device. Seriously?
Und natürlich fällt Thomas die Lösung, was der ganze Hickhack mit dem Labyrinth soll, auch über Nacht ein. Als er und viele andere Schablonen (Charaktere kann man das nicht nennen) aus dem Labyrinth entkommen, wird ihnen auch nur das erzählt, was wir von Thomas wussten — nur um anschließend entführt zu werden. Weil sie ja die Retter gegen den „Brand“ sind. Scheinbat trifft zu viel UV-Strahlung auf den Planeten und verbrennt die Menschen. Wie da ein paar Kinder, die wie in einer kranken Version vom Dschungelcamp zusammen gepfercht waren, gegen die Sonne helfen sollen, weiß ich nicht. Und es interessiert mich auch nicht wirklich.
Die Tribute von Panem haben mich schon nicht überzeugt, Maze Runner war eine herbe Enttäuschung. Warum ich es trotzdem zu Ende gehört habe? David Nathan. Die Art wie er liest ist einfach sehr, sehr toll.

James Dashner: Maze Runner: Die Auserwählten im Labyrinth
978 3 86742 170 6
Hörbuch Hamburg HHV GmbH, Hamburg
September 2014, 7h 52min
Hörbuch

Kinder & Jugend, Krimi, Mystery, Phantastik

The Diviners von Libba Bray

Evie O’Neill trifft 1926 frisch in New York ein als eine Reihe von Ritualmorden die Städter aufschreckt. Verbannt zu ihrem Onkel, der Direktor des Museums für Amerikanisches Volkstum, Aberglauben und Okkultes ist, mischt sie sich in die Ermittlungen ein und muss bald feststellen, dass ihre Gabe nicht nur für Partyspiele taugt sondern sie auch in höchste Gefahr bringt.

Auch wenn meine Leseliste mich vll. Lügen straft, muss ich zugeben, dass Jugendbücher nicht gerade mein bevorzugtes Genre sind. Das liegt an meinem subjektiven Eindruck, dass im JuBu das Potential einer Geschichte oft nicht völlig ausgeschöpft wird (gruslige oder brutale Momente zBsp.) und Liebesgeschichten oft eine viel zu dominante Rolle spielen, auch wenn es nicht als Liebesroman deklariert ist. Bei The Diviners ist das zum Glück völlig anders.
Evie O’Neill (btw: ich liebe den Namen Evie) ist eine erfrischend lebenslustige, starke, aber sicher auch streitbare Protagonistin, die als Musterbeispiel eines Flappers trinkt, raucht und manipuliert, dass es mir eine Freude war, von ihr zu lesen. Dass sie auch erst siebzehn ist, vergaß ich schnell und habe Evie als gleichaltrig wahrgenommen (wenn vll. dann doch auch etwas oberflächlich). Ob Evie allerdings jedem gefällt, halte ich für fraglich. Manchmal ist sie sehr selbstbezogen und prescht selbstbewusst vor, nur um auf die Nase zu fallen.
Was ebenso erfrischend anders war und mir sehr gefiel, war das Setting. New York in den Goldenen Zwanzigern, voll von Ungerechtigkeiten, verbotenem Alkohol und Frauen, die mit ihrer Emanzipation noch nicht recht wissen wohin. Ebenso positiv überrascht war ich auch von der Liebesgeschichte, die zwar vorhanden ist, sich aber langsam entfaltet. Wenn ich nicht vorher den letzen Absatz gelesen hätte, hätte ich überhaupt nicht erwartet, wer mit wem zusammen kommt. Gefühlt bis zur Hälfte des Buches hielten sich die Anzeichen dafür in Grenzen und auch danach spielte die Liebe nur eine untergeordnete Rolle im Plot.
Der Plot um die Mordfälle war allerdings etwas schwach, weil vorhersehbar. Trotzdem war es doch spannend wie gekonnt Libba Bray das ausgehende 19te Jahrhundert mit dem jungen 20ten Jahrhundert verbindet und die Faszination des Okkulten vom einen ins andere überträgt. Nicht zuletzt schwingt auch ein bisschen Punk mit, Stichwort: Menschmaschine.
Um es hier aber nochmals deutlich zu sagen: Das Okkulte ist hier nicht okkult sondern real. Evie besitzt die Gabe, Erinnerungsfetzen der Besitzer aus Dingen vor ihrem geistigen Auge zu sehen und ist beileibe nicht der einzige Diviner. Es gibt noch andere wie sie, die in kleinen Nebenhandlungen, die zur eigentlichen Aufklärung des Mordfalls nichts beitragen, vorgestellt werden. Da der aktuelle Roman nur der erste Teile einer Trilogie ist, werden sich zu ihnen sicher noch viele andere gesellen.
Das einzige, das mir nicht nicht einleuchtete, ist die Tatsache, dass Evie mit ihrer Gabe Mist baut und dann zur Strafe von ihren Eltern aus der Kleinstadt verbannt und nach New York geschickt wird. Da Evie wie gesagt Flapper ist, ist NY mehr oder weniger ein Eldorado für sie und ihre Eltern hätten wissen müssen, dass Evie sich dort eben nicht bessert. Vor allem nicht, wenn sich ein Onkel um sie kümmern soll, der Junggeselle und kinderlos ist und von ihr dann entsprechend völlig überrannt wird.

Meiner Meinung nach alles in allem aber ein klare Leseempfehlung für diesen Herbst.
Bin schon gespannt auf die nächsten Teile.

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Bray, Libba: The Diviners — Aller Anfang ist böse
978 3 423 76096 6
Deutscher Taschenbuchverlag, München
September 2014, 704 Seiten
Hardcover